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Kurzkrimi: Eine einfache Fahrt (1)

Ich fahre gern Taxi.
Es ist einfach ein schönes Gefühl, bei Wind und Wetter geschützt im Wagen zu sitzen und durch die Stadt zu fahren. Der Regen trommelt an die Scheiben, leise Musik im Radio und ich sitze im Warmen und schaue auf die armen Leute, die mit ihren Schirmen an der Bushaltestelle stehen oder zu Fuß durch die Straßen hetzen. Es ist herrlich.
Ich kenne die ganze Stadt, jede Straße, jedes Lokal und fast jedes Haus. Schließlich fahre ich schon seit über zehn Jahren Taxi. Ich wollte nichts anderes tun, mit nichts anderem mein Geld verdienen. Na ja, das Geld, das war früher ein Problem für mich. Ein großes Problem. Immer das Existenzminimum im Blick, immer mit einem Bein im Sozialamt.
Aber heute habe ich es geschafft. Man muß sich eben etwas einfallen lassen, wenn man als Taxifahrer überleben will.

So, gleich bin ich da. Lindenallee 7. Mein erster Kunde heute morgen. Der Regen hat etwas nachgelassen, vielleicht bekommen wir später noch die Sonne zu Gesicht. Da steht schon der Kunde, ein Professor. Historiker, glaube ich. Er steht unter dem Vorbau des Hauses, erwartungsvoll und etwas ängstlich. Jetzt hat er mich gesehen. Nach kurzem Zögern kommt er auf mich zu. Ich lächle ihn freundlich an. Freundlichkeit ist das A und O in unserem Beruf.

"Guten Morgen, Herr Professor."
"Woher wissen Sie, daß ich...Ach so, wir hatten ja telefoniert. Ja, Guten Morgen."
Er steigt in den Fond und rückt sich auf dem Sitz zurecht. Er macht einen ziemlich nervösen Eindruck, schaut erst aus dem Fenster und dann auf seine Schuhe, dann wieder aus dem Fenster, obwohl wir noch gar nicht losgefahren sind. Aber seine Nervosität wundert mich nicht, schließlich fährt er zum ersten Mal mit mir.

Ich schaue über die Schulter und sehe ihn erwartungsvoll an. Er schaut erwartungsvoll zurück. "Wohin?"
"Was? Ach so, zum Flughafen, bitte."
Ich fahre los, der Motor schnurrt leise vor sich hin, wir gleiten souverän über die Regenstraßen. Der Professor ist immer noch nervös, er schaut aus dem Fenster, aber er sieht nichts, nimmt nichts wahr. Erwartungsvoll.
Wir schweigen. Vorher schweigen sie immer. Wissen nicht, was sie erwartet, sind gespannt. Manchmal versuche ich ein Gespräch, zur Lockerung sozusagen.
"Der Regen hat nachgelassen, vielleicht scheint nachher die Sonne."
"Wie bitte?" Er sieht mich mit großen Augen an.
"Ich sagte, der Regen hat nachgelassen, vielleicht scheint nachher die Sonne."
"Ja, schon möglich."
Er schaut wieder aus dem Fenster. Soviel zum Gespräch. Dann eben nicht. Wir sind sowieso bald da. Nicht am Flughafen.
Wir fahren gerade durch eine kleine Seitenstraße. Nicht viel los hier. Plötzlich rennt irgendein Kerl auf die Straße. Groß, schwarze Haare, Jeans, schwarze Lederjacke. Rennt mitten auf die Straße und bleibt stehen; ich schaffe es gerade noch, den Wagen vor ihm zum Stehen zu bringen. Volle Bremsung. Bei Regen größeren Abstand, sage ich immer. Jemand reißt die Beifahrertür auf und zwängt sich auf den Sitz. Er sieht aus, wie der auf der Straße, aber er ist etwas kleiner und untersetzt. Fieses Gesicht. Ich schaue in die Mündung einer Pistole. Ein kleines schwarzes Loch. Mein Denken konzentriert sich auf dieses kleine Loch. Aus den Augenwinkeln sehe ich einen weißen Fleck: das bleiche Gesicht des Professors.
Der andere Kerl schraubt sich neben meinen Fahrgast; auch er hat eine Waffe in der Hand und läßt den Professor an der Mündung riechen.
"Fahr los, wird's bald?"
Der neben mir grinst mich an, er hält die Pistole ganz ruhig. Ein Profi.
"Wohin?", frage ich ihn und versuche, meiner Stimme einen festen Klang zu geben.
"Fahr einfach los, wir sagen dir schon wohin."
Der Professor hat einen glasigen Blick bekommen und zittert leicht. Ich fahre los. Der Geruch von feuchten Lederjacken breitet sich im Wagen aus.
Der Mann im Fond schaut aus dem Rückfenster. Ab und zu fuchtelt er mit seiner Waffe vor dem Professor herum und grinst.
"Noch mal dran riechen?"
"Bitte, ich..."
"Schnauze!"
Er schaut wieder aus dem Rückfenster.

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