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Kurzkrimi: Sechzehn-Minuten (1)

Kommissar Brammer und sein Assistent, Inspektor Dellinger, hatten beschlossen, an diesem schönen, sonnigen Tag ihre Mittagspause in einem Biergarten in der Gießener Innenstadt zu verbringen. Sie hatten bereits eine Kleinigkeit zu sich genommen und gaben sich dem erfreulichen Gefühl hin, satt und zufrieden zu sein. Selbst Brammers Mundwinkel, die er sonst so tief herunterzog, dass man den Eindruck hatte sie wollten sich unter seinem Kinn treffen, sahen heute friedlich aus. Dellinger schaute sich um.
"Ziemlich langweilig hier."
"Finden Sie?" Brammer zog eine Augenbraue hoch.
"Ja, alles ist ruhig, friedlich und erschreckend normal."
"Das Verbrechen entwickelt sich oft aus friedlichen und normalen Situationen heraus. Sie sollten nicht nur auf die Tatsachen achten, sondern auch auf die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben können."
Dellinger verzog das Gesicht. Er hasste die Belehrungen seines Chefs, obwohl er ihn wegen seiner Fähigkeit, allzu oft die richtigen Schlüsse zu ziehen, insgeheim bewunderte. Aber das hätte er niemals zugegeben.
"Nehmen Sie zum Beispiel diese jungen Leute da." Brammer wies mit der Hand auf eine Gruppe von fünf jungen Männern, die auf dem Parkplatz neben dem Biergarten standen. Alle hatten sie Motorroller und Mofas. Einer von ihnen, der etwas älter schien, lehnte lässig an seinem Motorrad, einem Geländefahrzeug.
"Was soll mit denen sein?"
"Sie sehen zwar, mein Lieber, aber Sie beobachten nicht. Vor etwa zehn Minuten ist einer von ihnen mit einem Mofa losgefahren, nachdem der Ältere, vermutlich der Anführer, sehr intensiv auf ihn eingeredet hat. Haben Sie das mitbekommen?"
"Äh, nein" gab Dellinger zu.

"Aber Sie haben die jungen Leute doch gesehen?" bohrte Brammer weiter.
"Naja, das schon, aber ich habe nicht weiter darauf geachtet." Dellinger begann sich etwas unwohl zu fühlen.
"Vermutlich haben Sie nicht darauf geachtet, weil die Situation so "erschreckend normal" war, nicht wahr?"
"Schon möglich.", brummte Dellinger, der sich schwor, morgen alleine seine Mittagspause zu verbringen.
"Die Frage ist doch, was hat der Anführer zu ihm gesagt, wohin hat er ihn geschickt, was will er tun? Möglicherweise ist alles banal und langweilig, vielleicht aber auch nicht. Es könnte eine Situation daraus entstehen, die uns etwas angeht, uns als Polizisten." "Aber das ist doch sehr unwahrscheinlich. Er ist wohl nur nach Hause gefahren, weil das Mittagessen auf dem Tisch steht und dieser Anführer hat ihn deswegen ein bißchen aufgezogen."
"Die Frage ist zunächst nicht, ob etwas wahrscheinlich ist, denn um das zu beurteilen haben wir zu wenig Informationen. Die Frage ist, ob etwas möglich ist. Was passieren könnte. Es muss ja nicht passieren."
Brammers Augen leuchteten schalkhaft und er brachte sogar so etwas wie ein Lächeln zustande.
"Das ist doch alles ziemlich theoretisch. Das hat doch alles keinen Bezug zur Realität und erst recht nicht zu unserer Arbeit."
"Sie haben mich nicht ganz verstanden, mein lieber Dellinger," Brammer legte die Fingerspitzen aufeinander. "Ich sagte nicht, dass es einen Bezug zur Realität hat, sondern dass es einen haben könnte. Wir haben etwas beobachtet, das vielleicht nichts bedeutet, es könnte aber im Zusammenhang mit einer zusätzlichen Information oder einer weiteren Beobachtung bedeutungsvoll werden." Dellinger sah auf seine Armbanduhr. In zehn Minuten war die Mittagspause vorbei. Er hatte sich noch nie so sehr auf seine Akten und Berichte gefreut.

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